Geschichte

„Es ist deutlich schwerer seine eigene Identität zurück zubekommen, als sie zu verlieren.“

Der Diebstahl meiner Identität und seine Folgen

Ich bin Klaus Wilke, 38 Jahre alt und komme aus Brandenburg. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Bis vor wenigen Monaten hatte ich einen gut laufenden Vertriebsservice für Medizinprodukte.

Dann kam der Morgen des 19. Juli 2018, als die Kriminalpolizei uns aus dem Bett klingelte und mir einen Durchsuchungsbeschluss entgegen hielt. Ich wurde des gewerbsmäßigen Betruges beschuldigt. Es folgte eine Durchsuchung meines gesamten Hauses. Die Kriminalpolizei beschlagnahmte sämtliche Rechner, Telefone und Datenträger – auch meinen Firmenlaptop und mein Diensthandy.

Ich wurde vorgeladen und kam mir vor, als wäre ich ein Schwerverbrecher, dabei wusste ich nicht einmal, worum es ging. Im Verhör wurde deutlich, unter meinem Namen wurde ein Konto bei der Fidor-Bank eröffnet, welches für den Geldfluss der betrugsmäßig eingenommenen Umsätze verwendet wurde. Meine Identität wurde gestohlen. Im Verlauf des Verhöres wurde klar, dass man die Namen zweier weiterer mutmaßlicher Täter ermitteln konnte, diese aber nicht auffindbar seien, da sie sich höchstwahrscheinlich im Ausland aufhielten. So wandte sich die Kripo an mich. Dabei war ich unschuldig, meine Identität wurde gestohlen und missbraucht. Nach mehreren Stunden konnte ich der Kripobeamtin glaubhaft versichern, dass ich mit alledem nichts zu tun hatte, dass ich unschuldig war. Allerdings reichte das nicht aus, um die Anzeige fallen zu lassen. Die Staatsanwaltschaft ließ die beschlagnahmten Utensilien in die KTU schicken. Die ganze Untersuchung würde mindestens 6 Monate andauern. Das hieß für mich, mindestens 6 Monate, in denen ich keinen Zugriff auf sämtliche Kunden- und Lieferantendaten hatte. Zukunftsängste schossen mir durch den Kopf. Durch die Konfiszierung konnte ich meinem Tagesgeschäft nicht mehr nachgehen. Es war mir weder möglich, Rechnungen zu stellen oder zu begleichen noch Bestellungen aufzunehmen und auszulösen. Demzufolge blieben alle Umsätze aus – meine Familie und ich standen kurz vor dem wirtschaftlichen Ruin.

Tagelang war ich damit beschäftigt, sämtliche Dienstleister anzurufen und deutlich zu machen, was mir widerfahren war – Vermieter, Strom, Telefon, Gasversorger, Kreditinstitute,….. Ich habe unzählige Stunden in Warteschleifen verbracht und mich mit Kundenberatern auseinander gesetzt, die oftmals das Ausmaß meiner Misere nicht abschätzen konnten oder auch schlichtweg nicht befugt waren, unterstützende Entscheidungen zu treffen. Letztlich war es pures Glück, dass unser Vermieter so mitfühlend war und uns unterstützte, sodass wir nicht auch noch unser Zuhause verloren.

Nach rund drei Monaten waren mir sämtliche Kunden abgesprungen. Meine Selbstständigkeit war zerstört.

Ich hielt Rücksprache mit mehreren Anwälten. Die bittere Erkenntnis: Man kann nichts machen. Das deutsche Strafrecht ist derart veraltet, dass es derartigen Angriffen nichts entgegenzusetzen gibt. Zusätzlich sagte mir mein Anwalt, dass die Behörden in Brandenburg derzeit rund 15 Monate benötigen würden, bis ich meinen Laptop und mein Diensttelefon wiederbekommen würde. Und das alles, obwohl ich unschuldig bin, ich habe nichts getan.

In dieser Zeit habe ich mich intensiv damit auseinander gesetzt, was es bedeutet, wenn einem die Identität gestohlen wird und einem keiner glaubt. Ich durchsuchte das Internet nach Hilfestellungen und kam zu dem Schluss, dass es weitaus mehr Menschen betrifft, als ich anfangs vermutet habe und, dass es keine umfassende Hilfe für Opfer von Identitätsdiebstahl gibt. Unschuldige werden sowohl finanziell als auch rufschädigend in Schwierigkeiten gebracht. Die Folgen sind schwer absehbar. Für manche Betroffene sind auch nach vielen Jahren die Folgeschäden noch deutlich spürbar. Unterstützung findet man kaum bis gar nicht. Mir gingen viele Fragen durch den Kopf:

– wie kann es sein, dass in einem Land wie Deutschland so etwas scheinbar problemlos möglich ist?

– an wen wendet man sich als Betroffener?

– wie kann man sich schützen?

– wie viele werden beschuldigt, obwohl sie es nicht sind?

– was kann man als Betroffener dagegen tun?

Von all den Schwierigkeiten habe ich mich nicht unterkriegen lassen. Ich habe versucht für mich und meine Familie auf den Beinen zu bleiben und irgendwie etwas positives aus der ganzen Geschichte zu ziehen.

Es ist deutlich schwerer seine eigene Identität zurück zubekommen, als sie zu verlieren.“

(Klaus Wilke)

Der Fall Tina Groll

Die Journalistin Tina Groll arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE in Berlin. 2009 wurde sie Opfer von Identitätsdiebstahl.

Ihre Geschichte könnte auch der Feder eines Krimiautoren entsprungen sein – und trotzdem war es bittere Realität für Tina Groll.

Es fing mit einem Mahnbrief für eine Warenlieferung an, die sie nie getätigt hatte. Dass dieses Schreiben einmal der Anfang von einem jahrelangen Kampf um ihre Daten, um ihre Identität sein würde, ahnte Tina Groll zu diesem Zeitpunkt nicht.

Sie setzte sich mit dem Warenhaus in Verbindung, dessen Mahnung sie erhielt und fing gleichzeitig mit der Recherche an.

Auf die Frage, wie man die Identität eines Menschen stiehlt, fand Tina Groll eine erschreckend simple Antwort: Es ist sehr einfach. Denn man braucht nur seinen Namen und sein Geburtsdatum. Daten, die man leicht im Internet findet. Hat man dann noch einen weiteren Anhaltspunkt, beispielsweise den Beruf der Person, kann man sich munter von dessen Bonität bedienen.“ (vgl.http://identitaetsdiebstahl.info/index.php/der-fall-von-tina-groll/)

Weitere Nachforschungen ergaben, dass die Betrüger auf Tina Grolls Namen zu falschen Adressen Waren im Gesamtwert von mehreren 10.000 € bestellten. Waren, die sie nie bestellt hat an Adressen, an denen sie nie gelebt hatte oder gemeldet war. Tina Groll schlug sich mit Inkassounternehmen herum, verzweifelt, im Kampf darum, dass sie unschuldig ist, dass sie das Opfer und nicht die Täterin ist.

Zu den unzähligen Mahnungen kam dann auch noch Haftbefehle hinzu. Über mehrere Monate war Tina Groll verzweifelt damit beschäftigt, zu recherchieren, mit Inkassounternehmen zu kommunizieren, immer wieder Strafanzeigen zu stellen – sie lebte im Kampf um ihre Identität. Sie lebte in ständiger Angst, vor dem, was als nächste passieren würde. Ihr Leben drehte sich nur noch um den Diebstahl ihrer Identität.

Geschätzte 800 Stunden- das sind 33 Tage, mehr als einen ganzen Monat Ihrer Lebenszeit, war Tina Groll damit beschäftigt, die falschen und unrechtmäßigen Daten aus ihrem Leben zu löschen. Wie durch ein Schneeballsystem haben sich die Daten verbreitet. Eine nicht zu stoppende Lawine. Immer, wenn sie glaubte, dass endlich Ruhe eingekehrt sei, dass ihre Daten tatsächlich wieder ihr gehörten und die falschen Angaben gelöscht wurden, gab es einen Rückschlag. Über ein Informationssystem der Schufa wurde sie seitdem regelmäßig informiert, wenn sich Einträge oder Änderungen ergaben. Das bedeutet dann wieder viele Stunden Recherche und Mühe und Anwaltskosten, bis auch diese zu unrecht eingetragenen Daten gelöscht wurden.

Tina Grolls Leben verlief seit dem Diebstahl ihrer Daten fremdbestimmt, immer im Kampf um ihre Identität, dass ihr ein nicht verschuldeter Schufa-Eintrag den Autokauf ruiniert, allein gelassen, in fortwährender Angst, dass es noch nicht vorbei ist.

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